Basiswissen Spagyrik

Die rund 500 Jahre alte Heilweise der Spagyrik erobert in den letzten Jahren die Naturheilkunde. Neben der Homöopathie und der klassischen Pflanzenheilkunde ist sie inzwischen auch in der Bevölkerung ein gängiger Begriff. Doch was verbirgt sich hinter der Spagyrik wirklich? Es lohnt sich ein tieferer Einblick.

Die Spagyrik ist ein Zweig der nach wie vor mit mystisch-verzauberter Aura versehenen Alchemie des Mittelalters.
Das alchemistische Gedankengut bildet also die Basis der Spagyrik. Mit Alchemie verbinden viele immer noch die Magier und Zauberer des Mittelalters, die versucht haben, aus Blei oder einfachen Steinen Gold herzustellen. Wie wir wissen: vergeblich. Da wir Menschen schon immer sehr materiell orientiert waren, ist dieser Teil der Alchemie in den Köpfen hängen geblieben, und hat damit das Bild der Alchemie verzerrt.

Dabei ist die wirkliche Alchemie etwas Wundervolles: Alchemisten waren Chemiker, Physiker, Mathematiker, Astronomen und Astrologen, Philosophen, Theologen und Mystiker – und das alles in einer Person. Sie trennten die „Zuständigkeiten“ nicht, denn sie waren der Meinung, dass man die Natur aus Sicht aller Wissenschaften zusammen sehen muss, um zu einem wirklichen Ergebnis, einem wirklichen Verständnis oder einer wirklichen Einsicht zu kommen.

Im Gegensatz zur allgemeinen Annahme, die Alchemisten würden nach Möglichkeiten suchen, unedle Metalle in Gold zu verwandeln, waren sie auf der Suche nach der „reinen Kraft“, der „Quinta Essentia“, die alle Krankheiten zu heilen vermochte. Dies war das Grundanliegen alchemistischer Tätigkeit, das natürlich auch in den alchemistisch aufbereiteten Arzneimitteln seinen Niederschlag fand. Man hatte die Gewinnung der „Arcana“, der reinen Wirkstoffe zum Ziel, aus der Überzeugung, dass diese die größte Heilkraft in sich trügen.

Das Wissen der Alchemisten wurde nur mündlich weitergegeben, und nur an ausgewählte Personen. Das einfache Volk wie auch die Herrscher wurden nicht eingeweiht. Daraus entstand der Eindruck des Geheimbundes, gekoppelt mit der übel beleumundeten Goldmacherei. Die Verschwiegenheit hatte jedoch einen Grund: zu groß war die Gefahr des Missbrauchs des Wissens, und die Gefahr von Verfolgung und Folter. Zudem fühlten sich die Alchemisten verantwortlich für das, was sie weitergaben, mussten sie doch auch die Verantwortung dafür übernehmen, was der andere mit diesem Wissen anstellte.

Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 – 1541) gilt als Begründer der Spagyrik. Er trennte die Spagyrik von der Alchemie und führte sie der Pflanzenheilkunde zu. Der Begriff Spagyrik leitet sich ab aus den griechischen Verben spao – trenne und ageiro = vereine und beschreibt so die grundlegende Vorgehensweise in der Herstellung von spagyrischen Arzneien (siehe unten).

Paracelsus war der Meinung, dass eine Arznei (z. B. aus Pflanzen hergestellt) die Wirkstoffe in reinster Form enthalten muss. Nur dann ist es ein „Arcana“, ein reines Heilmittel. Man musste also die Wirkstoffe vom „Unreinen“ befreien.

Die Gewinnung dieser Grundstoffe für ein „Arcana“, ein reines Heilmittel, gelingt mittels des spagyrischen Herstellungsverfahrens, welches nach Paracelsus in verschiedenen Arbeitsschritten vollzogen wird:

Erster Schritt: die Trennung (Separatio)​

Durch Vergärung oder Faulstoffzersetzung der zerkleinerten Pflanze. Dadurch wird die Pflanze in ihre einzelnen Teile „zerlegt“.

Zweiter Schritt: die Reinigung (Purificatio)​

Durch Destillation oder Filtration der Gärflüssigkeit. Hiermit werden also die „unreinen Stoffe“ von den Wirkstoffen entfernt und entsorgt.

Dritter Schritt: die Veraschung (Calcificatio)

Durch Verbrennung des Pflanzenkörpers zur Gewinnung der arteigenen Mineralien. Dabei werden die Pflanzenrückstände mit hohen Temperaturen verbrannt, so dass nur noch die arteigenen Mineralien wie feiner Staub zurückbleiben.

Vierter Schritt: die Vereinigung (Conjugatio)

von Gärflüssigkeit und Mineralstoffen zur Ganzheit. Der letzte Schritt ist nun die Wiedervereinigung von Gärflüssigkeit und Mineralstoffen, was die Pflanze wieder „ganz“ macht.

Durch die Reinigung und die Veraschung werden also alle „unreinen“, „unbrauchbaren“ Stoffe aus der Pflanze eliminiert, so dass nach der Vereinigung ein „Arcana“ entsteht, ein reines Heilmittel, welches auf Körper, Seele und Geist gleichermaßen einwirkt: GANZHEITLICH im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Gegensatz zur Homöopathie gibt es bei der Spagyrik durch das besondere Herstellungsverfahren so gut wie keine Erstverschlimmerung. Auch sind kaum Nebenwirkungen wie bei einigen Rezepten und Teemischungen aus der Pflanzenheilkunde zu befürchten. Spagyrik ist eine sanfte Therapie mit starker Wirkung.

Gerade in dieser modernen Zeit hat sich die Spagyrik wieder ihren Platz erobert. Anders als symptombezogene Mittel hilft sie dem ganzen Menschen, wirkt heilend auf Körper, Seele und Geist. Darin liegt das Geheimnis ihrer Wirksamkeit.

Seit 1987 in eigener Praxis mit Schwerpunkt Dermatologie, Frauen- und Kinderheilkunde tätig. Autorin mehrerer Bücher und Referentin im In- und Ausland.